ESC 2019 | Rumänien

Rumänien nahm 1994 erstmals am ESC teil, machte den enttäuschenden 21. Platz und zog sich zunächst in die Schmoll-Ecke zurück. Vier Jahre später der nächste Versuch, der mit Platz 22 endete. Man setzte wieder aus, ist aber seit 2000 konsequent dabei und seitdem liefert das Balkanland verlässlich solide Popmusik. Bis auf 2016: Wegen ausstehender Zahlungen schloss die EBU Rumänien vom ESC aus, obwohl der Teilnehmer bereits feststand.

 

In diesem Jahr soll es eine in Bukarest geborene, aber in Kanada aufgewachsene und dort lebende Twentysomething-Sängerin richten. Ester Peony (die eigentlich Alexandra Crețu heißt) hat die Musik zu ihrem Beitrag „On A Sunday“ selbst geschrieben, in dessen Text es ganz klassisch um die Opferrolle einer verlassenen Frau geht – er ging an einem Sonntag, sie wird das nie vergessen und hofft, dass er, dieses untreue Arschloch, wiederkommt und sie aus diesem Albtraum befreit. Ist nicht ganz #aufschrei, aber eben doch – aber dazu gleich mehr, denn das ist so eine typische ESC-Geschichte:

 

Das rumänische Fernsehen TVR hatte die tolle Idee, neben den Zuschauern auch eine internationale Jury abstimmen zu lassen. Jede einzelne Stimme dieser Jury-Mitglieder hatte die gleiche Gewichtung wie die der Zuschauer, was in einem Land, das immer noch mit der Demokratie hadert, als famose Idee gewertet werden muss. Vier Leute saßen in dieser Jury, womit diese vier Stimmen hatte und das gemeine Volk eine. Und nun passierte es: Das rumänische Volk, also die Mehrheit der Televoter, hatte für eine sechzehnjährige Unschuld aus den USA angerufen, ebenfalls ein Mädchen mit rumänischen Wurzeln. Die wuchs in den Staaten streng religiös auf und machte unlängst vor Kameras die Aussage, dass die Ehe doch Mann und Frau vorbehalten sein sollte (was religiöse Eltern halt so vorbeten). Das das bei einem Event mit einer riesigen schwulen Fan-Base nicht so toll ankommt, konnte die Kleine da drüben im Great-Again-Staat ja nicht ahnen. Und während die Zuschauer unbedarft dem braven Mädchen mit seinem Lied an Gott (kein Witz) ihre Stimme gaben, erkannten drei Jungs in der Jury – davon zwei bekannte ESC-Blogger aus UK – blitzschnell die Gefahr und stimmten für Ester Peony, obwohl sie sich vorher sehr positiv über das Lied des christlichen Engels geäußert hatten. Damit gewann ein Song, den niemand auf dem Schirm hatte und der Aufschrei war nun da: Haben da zwei äußert bekannte und populäre Blogger Gott gespielt, um die gottesfürchtige Sechzehnjährige für ihre eventuelle Homophobie abzustrafen?

 

In Rumänien blieb eine gewisse Ratlosigkeit zurück- hier bei mir in Hamburg auch. Nicht die besten Voraussetzungen also für die Nummer, die sich am Donnerstag, den 16. Mai in Tel Aviv im 2. Halbfinale für das Grand Final qualifizieren muss. Kein leichtes Ding, denn die Konkurrenz ist in diesem 2. Semi groß und ich fürchte, dass wir Rumänien im Finale nicht wiedersehen. Hier ist Ester Peony mit „On A Sunday“ für Rumänien: https://www.youtube.com/watch?v=_loQfk_ZUOs

Zum Vergleich die hoch favorisierte, aber dann doch gescheiterte Laura Bretan mit ihrer Hymne an den guten Vater. Ich bin heilfroh, dass uns dieser minderjährige Heiland mit einer weiteren Opern-Arie erspart bleibt...: https://www.youtube.com/watch?v=x1NPm88iflU